Das Wort, das dich täuscht: „Kadenz" bedeutet nicht, was du denkst
Bei Guitarshelf heißen mehrere Übungen „Ganzschluss", „Plagalschluss" oder „Trugschluss". Das Wort „Kadenz" ist eine Falle: im deutschen Alltag bedeutet „Kadenz" ein gleichmäßiges Tempo — die Schlagzahl eines Läufers, die Marschkadenz, ein Solo-Einschub in einem Konzert. Mit Tempo oder Geschwindigkeit hat es hier nichts zu tun. In der Musiktheorie ist eine Kadenz überhaupt kein Rhythmus: sie beschreibt, wie eine Akkordfolge am Ende einer Phrase abschließt (oder sich bewusst weigert abzuschließen).
Eine Kadenz ist Zeichensetzung, kein Tempo
Stell dir eine Kadenz wie ein Satzzeichen am Ende eines musikalischen Satzes vor: ein Punkt, ein Komma, Auslassungspunkte. Sie sagt nichts darüber aus, wie schnell du spielst — dieselbe Akkordbewegung bleibt dieselbe Kadenz, ob du sie langsam oder schnell spielst. Was ihren Typ bestimmt, ist nur das beteiligte Akkordpaar und wie aufgelöst (oder unaufgelöst) es die Phrase klingen lässt.
Die vier Kadenzen, denen du am häufigsten begegnest
Guitarshelfs Katalog veranschaulicht die vier häufigsten Fälle, alle in C-Dur, damit sie direkt vergleichbar sind:
- Ganzschluss (V-I) — G7 nach C. Der stabilste der vier: das Ohr empfindet die Phrase als wirklich beendet. Das ist die klassische „Songende"-Kadenz.
- Plagalschluss (IV-I) — F nach C. Eine sanftere Auflösung, weniger endgültig als der Ganzschluss. Sie steckt hinter dem abschließenden „Amen" vieler Kirchenlieder.
- Trugschluss (V-vi) — G7 nach A-Moll. Das Ohr erwartet ein C und landet stattdessen woanders: ein falsches Ende, genutzt, um den Hörer zu überraschen oder eine Phrase länger als erwartet zu dehnen.
- Vorhaltschluss — E sus4 nach E. Bewusst in der Schwebe gelassen, eher wie eine Frage als eine Aussage.
Warum es sich lohnt, sie mit dem Ohr zu unterscheiden
Sobald du einen Ganzschluss von einem Trugschluss allein durch Zuhören erkennen kannst, kannst du vorhersehen, wo eine Progression „landen" wird, noch bevor du sie fertig gespielt hast — nützlich sowohl zum Improvisieren als auch zum Komponieren eigener Akkordfolgen. Es ist eines der wenigen Theoriekonzepte, das sich rein mit dem Ohr überprüfen lässt, ohne eine einzige Note zu lesen.
Zum Üben
Am effektivsten ist es, alle vier Übungen nacheinander in derselben Reihenfolge wie oben zu spielen, um ihre Klangfarbe direkt zu vergleichen: Ganzschluss — G7 nach C, Plagalschluss — F nach C, Trugschluss — G7 nach A-Moll und Vorhaltschluss — E sus4 nach E.