Warum die Moll-Pentatonik über fast jedem Akkord funktioniert

Frag irgendeinen Anfänger-Gitarristen, mit welcher Tonleiter er über einen Song improvisieren soll, und die Antwort ist fast immer dieselbe: die Moll-Pentatonik. Sie hat den Ruf, „überall zu funktionieren" — über Blues, Rock, Metal, sogar über Dur-Akkorden. Dieser Ruf ist verdient, hat aber eine genaue Erklärung, die selten ausgesprochen wird.

Was entfernt wurde, nicht nur was übrig blieb

Die vollständige natürliche Moll-Tonleiter hat sieben Töne. Die Moll-Pentatonik behält nur fünf: sie lässt die 2. und die 6. Stufe weg. Das sind keine zufälligen Entscheidungen — es sind genau die beiden dissonantesten Stufen der Tonleiter, die eine Auflösung zu einer Nachbarnote verlangen, um nicht unaufgelöst zu klingen. Entfernt man sie, bleiben nur Intervalle übrig, die klar konsonant zum Grundton und zur Quinte des jeweils darunterliegenden Akkords sind.

Der Fall des Dur-Akkords: bewusste Spannung, kein Fehler

Über einem Moll-Akkord passt die Moll-Pentatonik fast perfekt, da sie direkt aus dieser Tonleiter abgeleitet ist. Über einem Dur-Akkord dagegen enthält sie eine kleine Terz, während der Akkord eine große Terz spielt — die beiden Töne stehen in leichtem Konflikt. Genau diese Reibung verleiht Blues und Rock ihre Farbe, wenn die Moll-Pentatonik über einer Dur-Progression gespielt wird: Blues-Gitarristen nutzen diese Spannung sogar gezielt, indem sie die kleine Terz mitten in der Phrase zur großen Terz hochziehen (Bending).

Eine Tonleiter, zwei entgegengesetzte Anwendungen

Im Guitarshelf-Katalog dient dieselbe e-Moll-Pentatonik — Position 1 sowohl als Grundlage für eine klassische Blues-Improvisation als auch für den Metal-Galopp-Riff in e-Moll — zwei Stile, die die Spannung zum darunterliegenden Akkord überhaupt nicht auf dieselbe Weise nutzen.

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