Das gedämpfte Riff, das auch dann noch „richtig" klingt, wenn es falsch ist

Bei einer Übung mit „gedämpften Anschlägen" im Katalog legt die Anschlaghand die Handfläche direkt vor dem Steg auf die Saiten, schlägt den Powerchord an, und der Klang kommt kurz, dumpf, fast eher ein Perkussionsschlag als ein Ton. Genau das ist der beabsichtigte Effekt. Aber genau diese Geste hat einen selten erwähnten Nebeneffekt: Sie macht einen Griff-Fehler fast unmöglich zu hören. Hier ist warum — und was man stattdessen tun sollte, statt sich auf sein Gehör zu verlassen.

Ein Powerchord hat ohnehin fast nichts mehr zu verlieren

Ein voller Akkord (Dur oder Moll) enthält eine Terz: Sie gibt die „fröhliche" oder „traurige" Farbe, die das Ohr sofort erkennt, und sie klingt auch am deutlichsten „falsch", wenn ein Finger falsch sitzt. Ein Powerchord (G5, F5, A5...) hat keine Terz: nur Grundton und Quinte. Dieses Fehlen ist beabsichtigt — genau das macht den Powerchord neutral, weder Dur noch Moll, und damit in fast jedem harmonischen Kontext im Rock/Metal einsetzbar. Das hat aber eine direkte Folge: Im Klang steckt bereits deutlich weniger Information, an der das Ohr einen Fehler erkennen könnte.

Palm Mute nimmt genau das weg, was noch übrig war

Die auf den Saiten liegende Handfläche dämpft die Schwingung — und diese Dämpfung wirkt nicht auf alle Frequenzen im Klang gleich. Physikalisch gilt: Je höher ein Oberton ist, desto schneller klingt er unter Dämpfung ab. Der Grundton (der tiefste, also der am langsamsten abklingende) überdauert die hohen Obertöne deutlich, die bei einem ungedämpften Akkord dem Ohr helfen würden, genau zu erkennen, welche Töne erklingen. Ergebnis: Ein Powerchord, der harmonisch ohnehin schon „neutral" war, wird durch die Dämpfung fast auf eine einzige dominante Frequenz plus ein perkussives Anschlaggeräusch reduziert.

Die Folge: Das Gehör allein reicht nicht mehr aus

Bei einem vollen offenen Akkord erzeugt ein vergessener Bund oder ein Finger auf der falschen Saite fast immer eine hörbare Dissonanz, selbst schnell gespielt. Bei einem gedämpften Powerchord-Riff verschwindet dieses Sicherheitsnetz größtenteils: Ein um einen Bund verschobener Grundton kann fast genauso „richtig" klingen wie der korrekte, weil im Klang kaum noch etwas übrig ist, das den Fehler verrät. Das ist kein Problem der Grifftechnik der linken Hand — das Signal, mit dem sich das Ohr normalerweise selbst korrigiert, wurde durch den Spielstil selbst entfernt.

Wie man es trotzdem überprüft

  • Spiele zuerst dieselbe Akkordfolge ungedämpft, sodass die Powerchords voll ausklingen: Grundton-Fehler sind in dieser „offenen" Version deutlich leichter zu hören, bevor du zum gedämpften Spiel zurückkehrst.
  • Schau auf den gespielten Bund, statt auf das Klangergebnis zu hören: Bei einem gedämpften Riff sind deine Augen vorübergehend zuverlässiger als dein Gehör, um die Position zu bestätigen.
  • Isoliere allein den Akkordwechsel, sehr langsam, im gedämpften Modus: Bei reduziertem Tempo bleibt der perkussive Anschlag jedes Powerchords einzeln erkennbar, was hilft zu bemerken, ob sich der Grundton tatsächlich geändert hat.

Zum Üben

Die beiden Übungen mit „gedämpften Anschlägen" im Katalog, Metal in G — gedämpfte Anschläge und Metal in F — gedämpfte Anschläge, sind ein guter Ort, um diesen Effekt direkt zu spüren: Spiele jede einmal voll ausklingend und einmal gedämpft, und vergleiche, wie viel schwerer der Grundton-Fehler in der zweiten Version mit dem Ohr zu erkennen ist.

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